Liebe jenseits von Leistung.
Beziehung jenseits von Funktion.
Dasein jenseits von Zukunft.
Jack ist alt.
Er ist dreizehn Jahre alt und lebt gerade sein vierzehntes Lebensjahr.
Und wenn ich ihn heute anschaue, habe ich das Gefühl, er besteht nur noch aus Liebe.
Nicht aus Energie.
Nicht aus Kraft.
Nicht aus Wollen.
Nur aus Liebe.
Von dem Moment an, in dem er morgens die Augen öffnet, bis er abends wieder einschläft, ist alles, was er tut, Liebe.
Nicht demonstrativ.
Nicht fordernd.
Einfach da.
Früher war da etwas anderes
Jack war nicht immer so.
Er war misstrauisch. Leinenaggressiv.
Er hat Menschen und Hunde weggehalten, bevor sie ihm zu nahe kommen konnten.
Er war wachsam. Auf Spannung. Bereit.
Heute läuft er beim Spaziergang langsam hinter mir her.
Er bleibt stehen, um einen Grashalm zu inspizieren.
Er braucht Zeit.
Und wenn wir Menschen begegnen, freut er sich.
Er läuft auf sie zu und möchte gekrault werden.
Überall. Immer.
Er kann gar nicht genug Nähe bekommen.
Wenn wir jemanden treffen, den er kennt, ist sofort klar:
Jetzt wird geschmust.
Ich könnte stundenlang mit ihm kuscheln – und es wäre für ihn immer noch nicht genug.
Sein Blick
Was mich am meisten berührt, ist sein Blick.
Egal, was er gerade tut – wenn ich ihn anschaue, schaut er zurück.
Und in seinem Blick ist nichts außer Liebe.
Keine Forderung.
Keine Angst.
Kein „Was kommt als Nächstes?“.
Nur: Ich bin hier.
Jeden Morgen
Jeden Morgen habe ich denselben ersten Gedanken:
Hoffentlich lebt Jack noch.
Es ist kein panisches Denken.
Keine dramatische Angst.
Es ist ein stiller Moment, in dem ich ihn berühre, um zu spüren, ob noch Leben in seinem Körper ist.
Und jedes Mal, wenn er sich bewegt, atme ich auf.
Er ist alt.
Und gleichzeitig voller Lebensglück.
Vielleicht nicht mehr voller Lebenskraft.
Aber voller Lebensglück.
Ein Gefühl ohne Namen
Manchmal habe ich einen Gedanken, für den ich kein Wort habe.
Wenn ich sehr alt werde – sagen wir hundert – dann werde ich sechzig Jahre in einer Welt gelebt haben, in der es Jack und Palina nicht mehr gibt.
Sechzig Jahre in einer Welt, in der sie nicht existieren.
Dieser Gedanke ist nicht Angst.
Nicht Traurigkeit.
Nicht Wut.
Er ist… zu groß.
Zu weit.
Zu still.
Ich kann ihn kaum aushalten.
Und doch sehe ich mich selbst in ihm
Wenn ich Jack heute anschaue, sehe ich nicht nur ihn.
Ich sehe auch mich.
Auch ich gehe heute nicht mehr misstrauisch durch die Welt.
Auch ich bin weich geworden.
Offen. Berührbar.
Ich öffne mich fremden Menschen.
Ich zeige ihnen meine Narben.
Nicht, weil ich muss – sondern weil ich will.
Ich begleite Menschen durch ihre tiefsten Ängste, ihren Schmerz, ihre Scham.
Ich stehe an ihrer Seite, wenn sie sich zeigen, wie sie sich sonst niemandem zeigen.
Diese Arbeit erfordert eine Offenheit, die weh tut.
Und gleichzeitig erfüllt sie mich zutiefst.
Und genau das sehe ich in Jacks Blick.
Seine Aufgabe
Manchmal schaut Jack mich an, als wolle er sagen:
Meine Aufgabe ist erfüllt.
Als hätten sich unsere Seelen verabredet, sich genau in dieser Lebenszeit zu treffen.
In der schlimmsten Phase meines Lebens.
In einer Zeit, in der ich von Hölle zu Hölle gegangen bin.
In der ich fast ausschließlich gelitten habe.
Er war da.
Still. Treu. Unerschütterlich.
Er hat mich begleitet.
Und mir gezeigt, wer ich bin.
Und wer ich sein soll.
Heute, an diesem Punkt meines Lebens, fühlt es sich an, als wäre seine Aufgabe mir gegenüber erfüllt.
Kein gebrochenes Herz
Es bricht mir nicht das Herz.
Ich komme gut mit dem Altwerden zurecht.
Auch mit dem Sterben.
Mit der Endlichkeit.
Und doch gibt es diesen Teil in mir, der manchmal unvernünftig sein möchte.
Der sich wünscht, noch Herausforderungen zu haben, für die ich Jack noch brauche.
Damit er noch nicht gehen kann.
Ich weiß, dass das egoistisch ist.
Und gleichzeitig wünsche ich mir, dass er noch ein paar schöne Jahre hat.
Nicht, um etwas zu leisten.
Nicht, um mich zu tragen.
Sondern einfach, um zu sein.
Und dass ich ihm all das zurückgeben darf, was er mir gegeben hat.
Alte Hunde
Alte Hunde sind keine schwachen Hunde.
Sie sind keine defizitären Wesen.
Sie sind oft das Reinste, was uns begegnet.
Weil nichts mehr bewiesen werden muss.
Weil nichts mehr offen ist.
Sie lehren uns, was Liebe ist, wenn Zukunft keine Rolle mehr spielt.
Und vielleicht ist das ihr größtes Geschenk.
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